MFDB051 Lügen

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Salman Rushdies Held Quichotte bewegt sich durch ein Amerika, dem die Wahrheit längst verloren gegangen ist, weshalb ihm und seinem Autor – auch der nur eine Figur in einem Roman – die Wirklichkeit nicht nur entgleitet, es entspinnen sich alternative Wirklichkeiten, die sich gegenseitig gebären oder miteinander verschmelzen, ebenso tun es die Figuren in diesem Buch, eine schöne, wenn auch nicht sehr neue Idee, den Paul Auster hat das vor über 30 Jahren weit überzeugender gemacht, nämlich die eines postmodernen Romans, die Rushdie die dann noch recht einfallslos umgesetzt hat: Ein renommierter Literaturkritiker, dessen Name uns gerade entfallen ist, vermutet, dass Salman Rushdie Preise nicht mehr für seine Bücher, sondern nur noch dafür bekommt, dass er Salman Rushdie ist. Juan Moreno (Preise bislang: 0) deckt in seinem Buch über den Fall Relotius (Preise bislang: zwischen 19 und 40) den vielleicht folgenreichsten Fälscherskandal des deutschen Journalismus auf, was Andreas an das Ende der Welt, Andrea aber an eine nötige Katharsis und einen Neuanfang glauben lässt, Silke Scheuermann zeigt die Lügen und die Künstlichkeit der Kunstwelt in Schanghai und anderswo und der freundliche Herr Stanišić erhält für sein letztes Buch einen Preis, dessen Dankesrede er zu einer Abrechnung mit dem Literaturpreisträger Peter Handke verwendet, es geht um Jugoslawien, die Lügen und den Tod: Andreas Baum und Andrea Frey über vier Bücher, drei davon haben wir gelesen und eines, wie immer, nicht. Das war ein großer Spaß!

Salman Rushdie: Quichotte

Juan Moreno: 1000 Zeilen Lüge

Silke Scheuermann: Shanghai Performance

Saša Stanišić: Herkunft

4 Kommentare

  1. Gefühlt kam Handke etwas zu positiv bei eurer Besprechung weg. Seht ihr ihn nach der fragwürdigen PK in Stockholm immer noch so? Wenn er seine Haltung zum Jugoslawien-Krieg geändert hat, hätte er das dort eigentlich klar stellen können. Stattdessen mault er einen Journalist an.

    • Ich denke schon, denn sein wenig vornehmes Verhalten in Stockholm mindert ja den Wert seiner Literatur nicht. Meinetwegen hätte er sich auch komplett daneben benehmen können, den Preis verdient er allemal. Darüberhinaus fand ich seine Reaktion auf die Journalistenfrage aber auch verständlich. Denn er hat ihm ja “ignorance” vorgeworfen, also diese unangenehme Mischung aus Nichtwissen und Nichtwissenwollen, die gefährlicher ist als jede Ahnungslosigkeit. Dass Handke das Massaker von Srebrenica nicht mehr verleugnet sondern sogar als “Brudermord” kennzeichnet, ist ja oft genug gesagt worden, man muss ihn wirklich nicht immer wieder in dieser Falle locken wollen. Handkes Verdienst hat damit nichts zu tun. Er gehört zu denen, die die Welt und unser Bewusstsein als von Sprache konstruiert erkennt und entlarvt – mit allen Gefahren. Ich empfehle zur Lektüre das “Wunschlose Unglück”, da kommt das besonders gut heraus. Grüße von Andreas

  2. 19. Mai 2020 um 10:21 Uhr
    Thomas Brunnsteiner

    Liebe Frau Frey, lieber Herr Baum,

    das ist ja ein sehr schönes Programm, das sie da gemacht haben. Am Ende wurden wir alle (auch ich) schon ein wenig müde, deshalb noch eine unwesentliche Anmerkung, oder besser ein Zitat aus Peter Handkes Buch “Eine winterliche Reise… Oder Gerechtigkeit für Serbien” :
    “Was war das etwa für ein Journalismus, wie etwa der, fort- und fortgesetzt, im deutschen Spiegel, wo Karadžić ‘zuerst dröhnte’ und dann ‘einknickte’ …”
    Das ist vor allem auch ein Journal leitmedialer Kriegsrhetorik.
    Guten Gruß aus Finnland, tb

    • Spiegel und Handke haben jeweils ihre Schippe Zunder ins Feuer geworfen damals. Aber Handke hat sich korrigiert, er hat das Massaker an den muslimischen Männern später nicht mehr geleugnet, sondern als Brudermord bezeichnet – Grüße zurück!

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