LdN021 Lage live, Attentate in Deutschland, Wikileaks dreht frei, jetzt: Sommerpause

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| 44 Kommentare

Liebe Freundinnen und Freunde der Lage der Nation,

mit dieser Folge gibt’s den Mitschnitt der “Lage live”, unserem ersten Podcast mit Publikum. Es war ein Riesenspaß, so viele von euch einmal persönlich kennenzulernen – schön dass ihr da wart! Zu unserer großen Freude hatten wir außerdem den Zeichner Aike Arndt zu Gast, der ein paar Impressionen von der Lage live zu Papier gebracht hat. Ein herzliches Dankeschön an den Wikimedia Deutschland e.V, in dessen Räumen wir zu Gast waren und der außerdem die Getränke gesponsert hat.

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Inhaltlich ging es um die Anschläge in Deutschland in den vergangenen Tagen und die Reaktionen darauf aus der Politik. Wir schauen uns an, was eigentlich einen Terroranschlag von einem Amoklauf unterscheidet, welche gemeinsamen Ursachen sich identifizieren lassen und was man dagegen tun kann. Dann werfen wir einen Blick auf Merkels 9-Punkte-Plan für mehr Sicherheit: Gehen die Maßnahmen an die Wurzeln des Problems – oder fallen sie eher in die Kategorien Aktionismus oder Augenwischerei?

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Weiter betrachten wir die jüngsten “wilden” Leaks von Wikileaks: Wir diskutieren, warum Whistleblower doch lieber an die Presse als ungefiltert ins Netz leaken sollten – und warum sich dazu an der Rechtslage in Deutschland und Europa noch einiges verbessern muss. Schließlich haben wir noch eine Reihe Kurzmeldungen für euch.

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Mit dieser Folge der Lage verabschieden wir uns für ein paar Wochen in die Sommerpause: Phil ist auf Reisen, da wäre das Podcasten arg stressig. Außerdem nutzen wir die Zeit für eine kreative Pause – was hat gut geklappt, was könnten wir besser machen? Wir freuen uns dazu besonders auf euer Feedback zu unserem Podcast-Format, am besten hier in den Kommentaren oder sonst per Mail an team (a) lagedernation Punkt org.

Jetzt aber erst einmal viel Freude mit der Lage der Nation & einen schönen Sommer!

Bis bald, euer Philip und euer Ulf

Hausmitteilung

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Attentate in Deutschland

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Wildes Leaken bei Wikileaks

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Kurzmeldungen

44 Kommentare

  1. Hi,
    ich finde Euren Podcast total super. Wann kommt die nächste Lage? Es dauert schon so lange.
    Macht weiter so!
    Viele Grüße
    Zorro

  2. Guten Tag,

    Ihr habt einen wirklich sehr tollen, informativen Podcast. Dank euch bekomme ich neuerdings eine viel bessere Struktur und Sichtweise in die aktuellen Politik Themen. Super dass ihr immer eine möglichst objektive Betrachtungsweise aufzuzeigen. Super Typen!
    Frage mich ob einer von euch beiden vielleicht die Serie Homeland schaut und mir sagen kann ob sie halbwegs akkurat ist. Wenn nicht, einfach ignorieren :)

    Euer neuer Stammhörer Micha

    • Hi Micha,

      danke für das freundliche Feedback! Zu Deiner Frage: Ich kenne Homeland kaum … wollte ich aber immer schon mal schauen, guter Tipp!

      Beste Grüße, Ulf

  3. Als kleiner Hinweis für alle, die in das Thema Amok und so tiefer einsteigen wollen: Soeben ist eine neue Folge “Hoaxilla Crime” zu dem Thema erschienen, es handelt sich um ein ausführliches Gespräch mit der Kriminalpsychologin Lydia Benecke. http://www.hoaxilla.com/hoaxilla-199-amok-hoaxilla-crime/

  4. Eventuell ist es hier angebracht, mal auf Hannah Arendts “Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft” hinzuweisen. Ich denke, dass sie darin sehr klar und ausführlich beweist, dass “Terror” in vollem Umfang nur von einem totalitären System ausgeübt werden kann, nicht von einzelnen Menschen oder Gruppen (Stichworte: Vernichtung der moralischen Person, Vernichtung der juristischen Person…) In diesem Sinne finde ich die im Podcast vorgetragene Annäherung an den Begriff recht flapsig. Und um eine schnelle Erklärung parat zu halten, reichen, denke ich, die viel beschworenen psychologischen Probleme wohl auch nicht aus. Dafür haben Taten wie die besprochenen eine zu lange, kulturelle und perfide Tradition.

  5. Mein Feedback:

    Erstmal ein großes Dankeschön für diesen tollen Podcast!

    Ich höre eigentlich täglich auf dem Weg von und zur Arbeit einen Cast und da darf der dann auch ruhig länger sein, von daher schon mal finde ich die Kritiken das Ihr zu lange über etwas sprecht von meiner Seite aus unnötig.

    Manchmal kommt bei mir der Gedanke das ihr beiden bei der Differenzierungs- und Relativierungsolympiade gut Chancen hättet ;) wobei das durchaus als Kompliment aufgefasst werden darf…

    Bei den Interviews zeigt ihr euch meiner Meinung nach jedoch schon öfter von der Kuschelweichen Seite. Schon verständlich wer will schon Interviewte vergraulen aber etwas kritischer dürfte das doch schon mal sein.
    Hier sind mir speziell die Interviews mit Prof. Dr. Claudia Kemfert zum Thema Energiewende und Frau Miriam Seyffarth (_@noujoum) zum Thema Islam in Erinnerung geblieben.

    Wobei Ihr den Herren (ich finde den Beitrag gerade nicht) der zum Gleichstellungsgesetz von Behinderten interviewt wurde durchaus kritisch befragt habt.

    Ab und an kommt bei mir auch der Gedanke auf ihr unterschätzt euer Publikum. (vielleicht überschätze ich es auch.
    Gerade beim Islam Thema habt ihr euch und die Zuhörerschaft schon sehr “unwissend”/dumm verkauft.
    aha oho da gibt es unterschiedliche Strömungen wer hätte damit gerechnet etc. :))

    Tldr: Spitzen Cast, immer interessante Themen gute sachliche Diskussion.
    Großes Lob meinerseits.
    Danke!

  6. Also mal wieder Wikileaks:

    1:02:16 – Bis heute gibt es ‘ne ganze Reihe von Todesfällen, die darauf zurück geführt werden.

    Wäre mir neu. Nach den Leaks zu Irak und Afghanistan kam dieses Narrativ auf, typischerweise als “Wikileaks has blood on its hands”. Wenn man aber Sprecher des Pentagons danach fragte, haben die keinerlei Angaben zu Geschädigten machen können. Bei den Cables erinnere ich mich an einige Geschichten über unzureichend geschwärzte Dokumente in Einzelfällen. Gefunden habe ich allerdings nur diese: Careless cables cost lives. Ich werde den Artikel nicht kaufen, um das zu verifizieren, aber mit Blick auf das Datum glaube ich der Titel ist nur eine Anspielung und deutet nicht tatsächlich auf Todesfälle hin. Danach kam die Veröffentlichung des gesamten Pakets von Cables. Im Wesentlichen ein Ergebnis davon, dass das Paket verschlüsselt kursierte und die passende Passphrase von Journalisten in einem Buch veröffentlicht wurde. Nachdem die Cables damit prinzipiell allen behördlichen Akteuren zugänglich waren, entschied sich Wikileaks sie auch der Allgemeinheit zugänglich zu machen (so jedenfalls meine Lesart der Entscheidung). Wieder wurde gesagt, das würde Leben gefährden, aber auch hier wurde dann tatsächlich keine Fälle dokumentiert. Man darf nicht vergessen zwei Jahre später war United States v. Manning und dort wären solche Fälle vorgebracht worden, wenn sie existiert hätten (siehe Guardian: Bradley Manning leak did not result in deaths by enemy forces, court hears).

    Die restlichen Überlegungen kommen mir vor, wie schon etliche Male durchgekaut. Ich haben fast keinen Zweifel daran, dass Wikileaks auch von Geheimdiensten beliefert wird. Auch ist es natürlich immer möglich, dass Dokumente, die sie erhalten, manipuliert sind. Ich habe allerdings Zweifel an der Idee beides zusammenzubringen. Wenn ich als Geheimdienst gezielt über Wikileaks verfälschte Dokumente leake, dann gefährde ich deren Wirkung. Mich wundert sowieso, warum nicht mehr von Leaks Betroffene einfach von echten Materialien behaupten, dass sie gefälscht sind. Zeigt vermutlich, dass deren öffentliche Wirkung insgesamt gar nicht so groß ist, so nützlich die Veröffentlichungen auch zum besseren Verständnis von Akteuren und Strukturen sind. Dementsprechend, wenn ich auch noch die Authenzität in Zweifel stellen kann, weil tatsächlich manipuliert wurde, verpufft die Wirkung völlig. Zusätzlich gibt es das Problem, wenn man Wikileaks nicht tatsächlich kontrolliert und das behauptet glaube ich niemand (na gut irgendjemand bestimmt), dann kann ein Geheimdienst auch nur bedingt steuern, was mit den Leaks passiert. Das ist ein deutlicher Nachteil, wenn man auf diesem Weg politische Ereignisse beeinflussen will.

    Ansonsten würde ich sagen, diese DNC-Emails haben bestätigt, was im Prinzip für Beobachter des Verhaltens des DNC unter Wasserman Schultz offensichtlich war und von der Kampagne von Sanders auch schon kritisiert wurde. Natürlich wurde eine Vorteilnahme für Clinton immer bestritten. Der Vorteil des Leaks liegt darin, dass auch der US-Medienmainstream das jetzt, zu spät freilich, wie einen Fakt behandelt. Interessanter ist also, was in den in Aussicht gestellten weiteren Veröffentlichungen mit Fokus auf Hillary Clinton zu finden sein wird.

    Zu den AKP-Emails: Das scheint in der Tat an den mangelnden Sprachfähigkeiten von Wikileaks zur Einschätzung der Emails gescheitert zu sein. (Allerdings finde ich es irgendwie witzig, dass das unseren Medien ja auch nicht viel anders geht. Weshalb die dann auch nur sagen können, dass der vermutlich nichts Interessantes drin steht.) Zur Präzisierung, Wikileaks hat dieses Wählerverzeichnis nicht selbst veröffentlicht. Die Emails, die sie veröffentlicht haben, entstammen einem größeren Dokumentenpaket, wo auch das Verzeichnis mit drin war. Dieses Paket hat wiederum jemand anders öffentlich gemacht, Wikileaks hat darauf verlinkt. Freilich als das Problem offenbar wurde, wohl diese Links nicht zurückgezogen. Die von euch erwähnte Autorin stellt das mittlerweile auch so da.

    1:04:33 – [..], wie groß die Gefahren eigentlich sind, wenn quasi unkontrolliert geleakt wird. Wenn also quasi Daten aus einem bestimmten Kontext herausgerissen und dann einfach so ins Internet gestellt werden.

    Also eigentlich, wenn man alles rauskippt, hat man potentiell mehr Kontext, als wenn ein Journalist ein paar Dokumente herauspickt. Ich sehe natürlich die möglichen Gefahren, aber der Hauptunterschied scheint mir eher darin zu liegen, dass ein Journalist mit exklusivem Zugriff ein größeres Interesse hat Ressourcen in die Aufarbeitung eines (ausreichend vielversprechenden) Leaks zu stecken.

    Schließlich die Verbindung mit dem Whistleblowerschutz in Deutschland fand ich doch etwas zu transparent. Mal ehrlich stehen wir in Deutschland wirklich davor, dass jemand etwas leakt, dass das Potential hat Menschenleben zu gefährden? Sicherlich sollten wir besseren Whistleblowerschutz haben, aber nicht weil sonst durch unkontrolliertes Leaking Leben bedroht werden, sondern weil es dadurch einfacher wird Misstände aufzudecken und weil gerade Menschen, die ihren gesellschaftlichen Stand für uns riskieren ein Recht auf Schutz haben. Außerdem mit Blick auf den traurigen Zustand der Geheimdienstaufsicht, halte ich es für völlig unrealistisch, dass ein Whistleblowerschutz im Bereich der nationalen Sicherheit greift. Da würde man dann im Zweifelsfall doch wieder zum anonymen Leak greifen.

    • Zur Ergänzung: Ich bin in einem anderen Zusammenhang nochmal auf einen weiteren Vorwurf gestoßen, den ich vergessen hatte. Und zwar sollen Cables von Wikileaks über Israel Schamir an die weißrussische Regierung weitergeleitet worden sein. Da kam wohl auch der Vorwurf auf, Dissidenten hätten so zu Schaden kommen können bzw. sein zu Schaden gekommen. Aber ich glaube, da ist nochmal nichtmal geklärt, ob diese Weitergabe tatsächlich stattgefunden hat.

  7. Ja diese Frage wurde noch nicht in der BPK gestellt! Ihr lebt doch in Berlin und seid Hauptstadt Journalisten warum tretet ihr den Verein nicht bei und stellt jede 14 Tage/1-2 Monate diese Fragen? Oder bittet Tilo Jung, ob er euch an die Hand nimmt. Da sind mir eh zu viele Speichellecker die Hofberichterstattung machen zugegen.

  8. Tor wird nicht vom US-Militär finanziert. Die Gelder stammen aktuell mehrheitlich von der US-Regierung bzw. von Institutionen, die von der US-Regierung finanziert werden. Auf https://www.torproject.org/about/sponsors.html.en sich die aktuellen Geldgeber gelistet. Der Finanzreport unterlegt das Ganze auch mit konkreten Zahlen. Auf der anderen Seite sind im Wiki die Sponsorenprojekte gelistet und zu Einträgen im Bugtracker verbunden. Daher ist hier sehr viel Transparenz hergestellt. Ein Vorwurf, der hier ja immer mitschwingt, ist, dass die Regierung wollte, dass Backdoors eingebaut werden. Durch diese Transparenz ist das aus meiner Sicht nahezu unmöglich bzw. würde recht schnell aufgedeckt werden. Die Backdoor bei JAP und deren Entdeckung kann hier als Beispiel herhalten.

    • pardon, dann hätte es richtig US-Regierung heißen müssen.

      In der Sache ging es mir aber gar nicht um Backdoors, sondern ganz im Gegenteil um die professionelle Finanzierung / Programmierung von tor und die Tatsache, dass gegen das sog. Darknet technisch kaum ein Kraut gewachsen ist.

  9. Clinton und ihr Team gingen sicherlich nicht davon aus, dass Frauen sie wegen ihres Geschlechts automatisch wählen, sondern, weil sie spezifische Lösungen für die Probleme von Frauen anbietet und in den Mittelpunkt ihrer Kampagne stellt.
    Zu Frauen und der Frage, ob Bernie oder Clinton:
    Grob gesagt, zumindest aus Sicht der Clinton Kampagne, will Hillary den Frauen durch feministische Politik helfen, wohingegen Sanders sich gar nicht explizit um Frauen kümmert, sondern alles durch die ökonomische Brille betrachtet. Weil Hillary im Gegensatz zu Sanders also spezifische Interessen von Frauen in den Mittelpunkt rückt und Bernie das nicht macht, sondern die gleichen wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen für alle als Lösung hinstellt, ist es für mich gar nicht so abwegig, dass die Clinton Kampagne davon ausging die Frauen auf ihrer Seite zu haben. Es gibt auch gute Argumente warum sie mit ihrem Ansatz letztendlich auch mehr für z.B. Frauen erreichen kann: http://qz.com/664475/hillary-clinton-understands-that-a-political-revolution-is-not-one-size-fits-all/
    Außerdem finde ich es äußerst fragwürdig Bernie als “progressiver” zu bezeichnen, nur weil seine Wirtschafts- und Sozialpolitik linker ist und dann auch noch Hillary Clinton als geradezu konservativ hinzustellen. Dazu sehr gut: https://fivethirtyeight.com/datalab/hillary-clinton-was-liberal-hillary-clinton-is-liberal/?ex_cid=story-facebook

    • Danke für die Lesetipps!

      Zu den Frauen: Ich denke so haben wir das auch gemeint, kam vielleicht nicht so klar rüber, weil wir an der Stelle ein wenig mit dem Publikum im Saal rumgealbert haben …

      Zum Thema progressiver Bernie: Aus meiner Sicht ist das zentrale Problem der USA die geradezu obszöne Unterfinanzierung der öffentlichen Haushalte, die zu extrem unterschiedlichen Chancen je nach individuellem Geldbeutel führt. Aus dieser Perspektive scheint mir Bernie mit seinem Bekenntnis zu mehr Umverteilung progressiver. Teilt man die Prämisse nicht mag das anders aussehen ;)

    • Für mich sind Obama und Clinton mitte rechts, insofern wundert mich die Analyse im zweiten Artikel. Ich vermute, sie hat etwas damit zu tun, wie man das politsche Spektrum bewertet. Ein Beispiel: Dass Hillary Clinton sich erst 2013 zur Gleichstellung von Homosexuellen im Bezug auf die Ehe bekannt hat, gilt für viele Progressives als Makel. Wenn der Artikel sagt, sie hat ihre Meinung geändert, als die Mehrheit das auch getan hat — na gut, dann ist man eben nicht progressiv. Ich habe mal kurz gesucht und hier eine Kritik des Artikels gefunden, vielleicht wirft das nochmal ein anderes Licht auf die Sache: https://medium.com/@danielBingham/no-fivethirtyeight-hillary-clinton-is-not-liberal-8bfafa7e8f06

      Aber es geht eigentlich gar nicht so sehr um die Frage wie links oder rechts jemand steht. Die Progressives haben die instutionalisierte Korruption in den USA als das eigentliche Kernproblem ihres politischen Systems ausgemacht. Oft wird in diesem Zusammenhang eine Studie aus Princeton zitiert: “Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens” (doi:10.1017/S1537592714001595) Und ich kann dem nur Recht geben. Das ist das Kernproblem und es betrifft nebenbei etwa über Handelsabkommen oder Lobbyevolution auch uns.

      Also egal, wo man Hillary Clinton nun in das politische Spektrum platziert, sie ist vorallem eines: Stark mit den Konzernlobbyisten und den Großspendern vernetzt. Bernie Sanders ist vielleicht noch nichtmal der stärkste Gegner dieses Systems. Das wäre in diesem Wahlkampf Lawrence Lessig gewesen, den die Demokraten schnell abgedrängt haben. Sanders scheint mir das noch eher durch die Brille eines Klassenkonflikts zu sehen. Nichtsdestotrotz seine Kampagne hat sich in Richtung dieser Systemkritik entwickelt, dazu der Umstand, dass er kein Geld von Großspendern angenommen hat, allein damit gilt er dem linken Flügel der Demokraten oder den Progressives allgemein, für die “money in politics” eben ein zentrales Thema ist, als progressiver. Allerdings hat er viele progressive Positionen auch deutlich länger als Hillary Clinton vertreten.

      Zu dem ersten Artikel würde ich nur sagen, dass er Sanders Kampagne unzutreffend auf die ökonomische Dimension reduziert. Mein Eindruck ist eher, dass sich Sanders und Clinton in ihrer Unterstützung feminististischer Forderungen nicht groß unterscheiden. Und ich sehe auch nicht, dass er in seiner Wahlkampagne die einzelnen Interessen sozialer Gruppen mit einem einnehmenden ökonomischen Narrativ überdeckt hätte. Die große Unterstützung für Clinton durch verschiedene Organisationen dieser sozialen Gruppen, hängt wiederum mit ihrer Vernetzung zusammen und damit, dass die demokratischen Großspender, die sich von Anfang an auf Clinton festgelegt hatten, auch an diese Organisationen spenden. Clinton verspricht in den engen Grenzen des gegenwärtigen Systems kompetent wie vorher schon Barack Obama zu agieren. Darin liegt der “Pragmatismus”. Sanders Vision ging dagegen weit über die Präsidentschaft hinaus. Er selbst wäre als Präsident zwar viel stärker von institutionalisierter Korruption befreit gewesen, aber alle anderen Strukturen nicht. Deshalb hat er auch die Formel von der politischen Revolution ausgegeben, um auch den Kongress nicht nur demokratisch sondern mit Progressives zu besetzen und damit linke Politik jenseits des Washingtoner Konsens überhaupt möglich zu machen. Und diese Vision hat eben auch junge Frauen angesprochen.

      Allerdings haben sich einige Fürsprecher von Clinton auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, als sie deren mangelnde Unterstützung zu erklären versucht haben. Am besten war zweifellos Gloria Steinem: “And when you’re young, you’re thinking: ‘Where are the boys? The boys are with Bernie.'” :D

  10. Bei Herfried Münkler ist euch ein Fehler unterlaufen – dieser ist Politikwissenschaftler und hat auch nicht im Nebenfach Geschichte studiert.

  11. Ich frag mich immer noch – auch weil die Frage in anderen Medien diskutiert wird – ob es wirklich sinnvoll ist nun entscheiden zu müssen ob es ein Terror-Akt oder ein Amoklauf war. Das schließt sich doch nicht aus. Ein Terror-Akt kann ein Amoklauf sein, bzw. ein Amoklauf Terror-artige züge tragen. Ich hab das Gefühl, dass wir diese Einteilung gerne vornehmen würden um diese schrecklichen Taten in eine Schublade stecken zu können. Ob das der Aufarbeitung wirklich dienlich ist mag ich zu bezweifeln.

    Fast schon erschreckend finde ich, dass auf politischer Ebene (Pressekonferenzen, Tagesschau, etc.) über diese Unglück, welches am Jahrestag von Utøya stattgefunden hat, kaum über rassistische Gewalt gesprochen wird.

    • Da zeigt sich mE, dass die These, dass man islamistische Terrorakte am besten mit Nichtbeachtung bekämpft, zum Scheitern verurteilt ist. Denn das müsste dann genauso für rechtsextreme Gewaltakte gelten. Also keine Berichte über NSU-Details oder Brandanschläge auf Flüchtlingsheime? In Deutschland sehr unwahrscheinlich. Ich halte solche Vorschläge daher für mehrheitlich klar politisch motiviert.

      • Aber ist das wirklich die These, dass man Terroranschläge durch Nichtbeachtung bekämpft? Es geht doch eher darum, ihre terrorisierende Wirkung zu verringern.

      • this: Wenn es stimmt, dass es eine starke narzisstische Komponente gibt, dann führt die enorme mediale Aufmerksamkeit leider dazu, dass das Kalkül der Attentäter aufgeht.

        Daher finde ich ja die Idee von Le Monde so interessant, zwar über die Taten zu berichten, aber so wenig wie irgend möglich über die Attentäter, damit die eben gerade nicht damit rechnen können, mit ihrem mörderischen Abgang berühmt zu werden.

    • Ich würde auch sagen, dass die Unterscheidung nicht so zentral ist, aber, um das raus zu finden, muss man sie erstmal machen.

      • klar ist die relevant, weil die Motivation eine ganz andere ist, was wiederum für die Prävention wichtig sein kann. Gemein ist beiden allerdings, dass man schon psychisch beeinträchtigt sein muss, um auf eine solche Idee zu kommen – das haben wir ja ausführlich diskutiert.

  12. Zu der statistischen Wahrscheinlichkeit, dass jemand Terroropfer wird sollte aber auch noch das Argument von Nassim Taleb erwähnt werden:

    Natürlich werden aktuell in Europa deutlich mehr Menschen durch Autos getötet als von Terroristen. Aber die statistische Struktur ders Phänomens macht es praktisch unmöglich, dass in einem Land pro Jahr bspw. statt 3000 Menschen plötzlich 3 Mio Menschen im Verkehr sterben.

    Bei einzelnen Terroranschlägen kommen meistens in der Größenordnung von 0-100 Menschen ums Leben. Bei 9/11 waren es schon Größenordnungen mehr. Weitergedacht: Es ist zwar unwahrscheinlich, aber wenn Terroristen Massenvernichtungswaffen einsetzen SOLLTEN, sind leider die 3 Mio Opfer im Bereich des Möglichen. Deshalb wäre ich mit dem Argument der Unwahrscheinlichkeit von Terroranschlägen immer etwas vorsichtig. Extremereignisse sind leider eher möglich als in anderen Lebensbereichen.

    • Ich hab hier ein bisschen ein Problem mit dem Begriff der “statistischen Wahrscheinlichkeit”. Die statistischen Daten sind glaube ich in soweit eindeutig, dass allein durch statistische Argumentation 3 Mio Opfer kaum zu erwarten sind. Was dieses Argument tatsächlich ist, ist eine spekulative Risikoabschätzung, für ein Ereignis, dass zum Glück noch nicht vorkam. Alleine die Möglichkeit eines Extremereignisses macht es noch nicht wahrscheinlich. Und ja, natürlich können Risikoabschätzungen mit statistischen Mitteln getroffen werden, sie aber als statistische Argumente anzuführen ohne auf die spekulativen Annahmen hinzuweisen, stellt die Spekulation auf eine Stufe mit der Statistik die Hauptsächlich auf den beobachteten Daten beruht — bei sehr unterschiedlichen Verlässlichkeiten.

    • Bei einzelnen Terroranschlägen kommen meistens in der Größenordnung von 0-100 Menschen ums Leben. Bei 9/11 waren es schon Größenordnungen mehr.

      Beim Anschlag von 2001 war es eine Größenordnung mehr, wenn man Verletzte hinzunimmt sind es zwei.

  13. Ein Hinweis: iTunes kann die Datei zwar herunterladen, danach aber nicht bearbeiten. Es gibt eine Fehlermeldung: „Möglicherweise ist die Datei beschädigt oder iTunes kann diesen Dateityp nicht wiedergeben.“ Reproduzierbar. – Danke für Eure Mühe! Und eine schöne Sommerpause!

  14. Im Zusammenhang mit des Punktes “Bundeswehr im Inneren” ist IMO noch ein Aspekt spannend: Es wurden in der Stadt angeblich Maenner mit Langwaffen gesichtet. Im Nachhinein stellte sich jedoch heraus, dass diese Polizisten waren (http://www.taz.de/!5321674/), die allerdings auch auf den Filmaufnahmen eher wie Paramilitaers erschienen (unvollstaendig uniformiert, unkonventionell maskiert). Durch das Erscheinungsbild ihrer Beamten hat die Polizei also dazu beigetragen, die durch Bevoelkerungshinweise verstaerkte “Terror-Lage” unnoetig zu eskalieren. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass wirklich noch Soldaten, ggf auch noch nicht in “gewohnter” Uniform durch die Stadt laufen, koennte das die Situation kuenftig in aehnlichen Lagen weiter verschaerfen.

    Das von euch erwaehnte Unbehagen, dass sich bei vielen bei Ansicht von Bewaffeten im oeffentlichen Strassenbild einstallt, kommt noch dazu.

  15. Die Versachlichung der Wirkung der Terrorakte hat für mich schon ein leichtes Geschmäckle. Da wart ihr für meinen Geschmack etwas zu “missionierend”. Bei aller Sachlogik und Notwendigkeit, sich nicht der gewollten Eskalationskette oder Verunsicherung anzuschließen. Broder hat mMn nicht ganz unrecht in seiner Argumentation:
    https://is.gd/i8pX1x

    • broder ist ein demagoge dem vor allem eines am herzen liegt und das ist broder.
      das ist zuweieln ganz unterhaltsam und lustig aber an einer ernsthaften politischen diskussion ist der mann weder interessiert noch dazu fähig.

      er hat unterhaltungswert und das war es dann aber auch schon…

      • Es geht ja auch nicht um Broder selbst, sondern um seine Argumentation. Und die ist in diesem Fall imo sehr erhellend.

      • Ich denke auch, dass es sekundär ist, ob Broder eitel und aufgeblasen ist. Ist an seinem Argument was dran? Ja. Warum darf man die einen Attentate in Relation zur Zahl der Verkehrstoten setzen, die anderen nicht?

      • hätte diese frage einen komischen beigeschmack wenn sie von höcke oder gauland kommen würde…?

      • Nee, der Beigeschmack entsteht bei dir schon vorher im Kopf.

  16. In der ersten Zeichnung zur Folge ist die URL des Küchenstudios falsch wiedergegeben: küchenstudio.io statt küchenstud.io

    • Hm. Passte alles so schön;) Im Ernst: Viele von uns diskutierte Aspekte bestätigt sie. Wäre mal interessant zu erfahren, wo bei ihr die Grenze zwischem Krankheit, Störung, Persönlichkeitsmerkmal, Wahn und Radikalisierung verläuft und wie etwa Radikalisierung mit Krankheit Zusammenhängt. Aber sie sagt ja auch, dass es da kaum Forschung gibt. Danke für den Hinweis. Muss ich mal nachdenken.